Combat 77 - Interview - Stolz + Stil Zine:

1. Wie kommt man dazu eine Tour durch China zu machen?

Das dortige Kids Union Label und Booking hatten vor einiger Zeit angefragt, ob sie unser Album „100& Oi!“ in China lizensieren können. Wir hatten sowieso vor, mal in Hongkong zu spielen, also lag die Idee einer zweiwöchigen Tour von Peking runter nach Hongkong nahe. Innerhalb von 2 Wochen haben die alles gebucht bekommen und uns Tour Shirts gedruckt; wir sind gespannt, was uns da erwartet… .

2. Habt ihr Kontaktloite drüben am anderen Ende der Erde?

Außer den Kids Union Leuten kennen wir noch Misandao, die wir mal während Ihrer Deutschlandtour in Leipzig getroffen haben; die werden auch den ersten Gig in Peking mit uns zusammen spielen. Nachdem klar war, daß die China Tour stattfindet, haben sich bereits ne Menge Leute und Bands über MySpace gemeldet und uns mitgeteilt, daß sie sich sehr freuen, wenn wir rüberkommen. So ist dann auch der Kontakt zu der Band „Oi! Squad“ aus Hongkong entstanden, mit denen wir dort auftreten werden.

3. Spielt ihr das erste Mal im Ausland mit Combat 77?

Nein, wir haben letztes Jahr bereits in Tschechien auf dem Subculture Fest und ein paar Gigs in Ungarn gespielt.

4. Wer teilt sich mit eurer Sängerin ein Zimmer?

Das möchtet Ihr wohl gerne wissen, was….?

5. Was erhofft ihr euch von der Tour, bzw. mit welchen Erwartungen geht ihr an den Start?

Denke, daß wird ne Erfahrung werden, die man dort als „normaler“ Tourist nicht machen kann. Sind sehr gespannt auf die Szene dort, auf die Läden, und natürlich auch auf den Bölkstoff. Prost!

6. So mittlerweile sind schon wieder ein paar Wochen vergangen und ihr seid hoffentlich wohlbehalten wieder zurück in Deutschland und habt euch wieder akklimatisiert?

Ja, wir waren alle tierisch erkältet, weil das Wetter bis kurz vor Hongkong nicht so pralle war. Zudem war in Städten wie Peking die Luft ziemlich schlecht, da kam man sich manchmal wie in einem permanenten Raucherraum vor. Mein Koffer ging zweimal verloren, die Metallstange meiner Fußmaschine wurde in Paris als Waffe beschlagnahmt, aber sonst ging alles glatt.

7. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass sich eure Reise gelohnt hat.

Ja, es war wirklich abenteuerlich, und die Resonanz des Publikums durchwegs sehr positiv. Leider hatten wir wenig Zeit, uns irgendwelche Sehenswürdigkeiten anzuschauen, denn die Entfernungen von einem Konzert zum nächsten waren meist sehr groß. In Peking waren wir noch auf dem Platz des himmlischen Friedens und in der Verbotenen Stadt, das war schon sehr beeindruckend. Hongkong ist sehr englisch geprägt und viel teurer als der Rest Chinas.

8. Was war denn zum Bespiel etwas auf das ihr nicht gefasst wart drüben in China? Also: Womit habt ihr überhaupt nicht gerechnet?

Das Essen war sehr gewöhnungsbedürftig, komplett anders als man es hier vom Chinamann um die Ecke kennt. Alles sehr scharf, und sonderbare Sachen wie tausendjährige Eier, Gänsehals und diverse Innereien, die hier wahrscheinlich höchstens der Köter kriegen würde. Dafür waren das Bier und die Kippen ok, Schachtel für umgerechnet 60 Cent, was will man mehr!
Außerdem war der Straßenverkehr sehr heftig; es wird keinerlei Rücksicht auf Fußgänger oder Verkehrsschilder genommen, und die Städte sind überfüllt mit Taxis der Marke VW Santana; da fragt man sich, warum VW bei so nem Deal noch ne Finanzkrise vorgibt zu haben… . Privatautos sind da seltener, das sieht man schon an den gähnend leeren Autobahnen, wo sich meist nur Überlandbusse oder Militärfahrzeuge fortbewegen.
Gewundert hat uns außerdem, daß die meisten Leute sehr schlecht englisch sprechen. Bei unseren Wegen von den Hotels zu den Bahnhöfen mußten wir uns auf mehrere Taxen aufteilen, und wenn unser Tourmanager dann mal in nem anderen Taxi saß, hat der Taxifahrer uns manchmal einfach irgendwo in der Nähe des Ziels rausgesetzt; tja, und dann frag mal irgendwen auf der Straße, wo der Bahnhof ist… . Zum Glück hatten wir untereinander Handykontakt, sonst hätten wir wohl so manchen Zug verpaßt. Die Bahnhöfe sind auch sehr heftig: Alle Leute stehen vor ner riesigen Absperrung, und kaum öffnen sich die Tore, stürmt und drängt alles wie verrückt zu den Bahngleisen. Es ist also sehr ratsam, vorher Sitzplätze zu reservieren. Wenn man aus dem Zug raus will, sollte man sich beeilen, denn sonst wird man von den hineinstürmenden Leuten regelrecht zerquetscht.

9. Wie sieht jemand aus der so genannten westlichen Welt, die chinesische a.) wenn er schon mal dort war, b.) eben noch nicht

Man sieht ja immer viel von China in den Auslandsreporten im Fernsehen, aber wenn man dann selbst mal dort rüberfährt, ist es ein ziemlich heftiger Kulturschock. In den Millionenstädten wuselt jeder irgendwo herum, und man fragt sich, wie da überhaupt irgendein System diese Menschenmassen vernünftig zusammenhalten kann. Das Fernsehen bietet eine bizarre Mischung aus Miltitärpropaganda und Karaoke Kitsch; die gesellschaftliche Erziehung der Bevölkerung wird überall groß geschrieben, und das Militär im Alltagsleben sehr präsent. Landschaftlich sehen viele Strecken sehr öde und trostlos aus: kaputte Bäume und Fabriken prägen das Bild, zwischendurch sind mal einige Reisfelder zu sehen. Vor den Städten sind riesige Müllberge aufgehäuft, die Großstädte selbst Moloche.

10. Welche Erfahrung habt ihr als Band von dieser Chinatour mitgenommen?

Die Szene befindet sich dort noch in den Kinderschuhen. In den vielen Millionenstädten gibt es meist jeweils nur einen Rockclub (wo den Postern nach zu urteilen die Bandbreite von Napalm Death bis Backstreet Boys reicht…), und das Publikum kommt größtenteils aus Studentenkreisen. Mit „Working Class Oi! Oi! Oi!“ ist da also noch nicht viel; Skinheads gibt es bisher kaum welche. Uns ist ein Skinhead von Peking aus nach Wuhan hinterhergereist, den hab ich mal gefragt, wie´s mit der Skinheadszene in China aussieht, und der meinte, daß er außer in Peking noch keinen einzigen Skinhead gesehen hätte. Die Leute aus der Szene sind froh, daß China sich nach den Olympischen Spielen ein wenig mehr geöffnet hat und jeder damit ein wenig mehr private Freiheit genießen kann als zuvor.

11. und letztens: Kennst du eigentlich das Lied von Rancid „arrested in Shanghai?

Nein, nie ein Rancid Fan gewesen. Selbst haben wir in Shanghai nicht gespielt – unsere Route ging von Peking nach Hongkong durch´s Landesinnere - von dort wurde uns nur berichtet, daß die Shanghaier Bevölkerung im allgemeinen als ziemlich arrogant eingestuft wird. Die Inhaberin eines Tattoo Studios in Hongkong erzählte uns, daß sie mal mit einigen Bekannten aus dem Ausland in nem Nobelrestaurant in Shanghai war; dort wollte einer von denen unbedingt mal Hund probieren, also kam der Koch mit nem lebenden Viech an und hat dem vor allen Leuten mitten im Restaurant die Gurgel durchgeschnitten. Man sollte also aufpassen, was man wo bestellt… .