1. Ihr habt vor einiger Zeit Eure Demosongs veröffentlicht, warum nach der ersten LP und nicht schon vorher? Vor unserem ersten Album „100% Oi!“ gab es ja unser erstes 4 Song Demo regulär zu kaufen. Es war jedoch in kürzester Zeit ausverkauft, und da wir eine Menge Nachfragen bekamen, entschlossen wir uns, die Songs für die 5er Split CD „The Kids strike back“ zu verwenden, auf der noch die Bands. Riot Company, Thunderbirds, Subculture Squad und Platzverweis vertreten sind. 2. Wie kam es eigentlich zu der Chinatour, wie habt ihr Euch das ganze vorhinein vorgestellt? Wurden Eure Erwartungen erfüllt? Das chinesische Label „Kids Union Records“ bekundete Interesse, unser Album für China zu lizensieren, also fragten wir nach, wie es mit einer möglichen Tour in China aussieht. Da Kids Union ebenfalls eine Booking Agentur betreibt, war das kein Problem, und so buchten die uns in kurzer Zeit eine Tour, die in Peking anfing und in Hong Kong endete. Vor der Tour haben wir uns erstmal einen dicken Reiseführer zugelegt, um zu sehen, wie weit die einzelnen Städte überhaupt entfernt sind und was es da so alles Interessantes zu sehen gibt. An Sehenswürdigkeiten haben wir dann letztendlich leider nicht so viel zu sehen bekommen, da die Entfernungen von einer Stadt zur anderen doch teilweise ziemlich groß waren. Ursprünglich sollten wir bereits einen Tag vor der ersten Show in Peking landen, doch in Paris wurde unsere Fußmaschine vom Schlagzeug als gefährliche Waffe beschlagnahmt, dann legte ein Sturm den gesamten Flughafen lahm, und so fehlte uns quasi ein Tag für Besichtigungen. Wenigstens haben wir uns die Verbotene Stadt und den Platz des himmlischen Friedens ansehen können; dort war alles abgesperrt, und man kann schon mal wegen ner Zigarette verhaftet werden. Die Terrakotta Armee in Xian hätten wir auch noch gern „mitgenommen“, doch mussten wir bereits früh morgens nen Zug erwischen, um nachmittags in der nächsten Millionenstadt anzukommen. Manchmal sind wir im Gedränge fast verloren gegangen und hatten Schwierigkeiten, den nächsten Bahnhof zu finden: frag mal wen auf der Strasse, die meisten verstehen wirklich nur Bahnhof. Musikclubs gibt es nicht sehr viele, da kam es auch schon mal vor, dass wir im selben Club wie die Backstreet Boys oder Napalm Death aufgetreten sind oder als Vorband eine äußerst obskure Easy Listening Traditional Folk Kapelle genießen durften. Das Publikum bei den Shows war teilweise sehr gemischt, die Resonanz jedoch oft überwältigend. Vor allem der weibliche Teil zeigte sich sehr angetan davon, dass eine Frau bei uns singt. Einige Europäer, Mexikaner und Amis waren auch bei unseren Konzerten; die meisten sind bei großen Konzernen wie VW oder Audi angestellt, bleiben aber eher unter sich und versuchen sich eben, den manchmal mehrjährigen Aufenthalt im Exil so angenehm wie möglich zu gestalten. Doch nicht alle scheinen sich immer „vorbildlich“ zu benehmen; denn in Wuhan war beispielsweise ein Schild aufgehängt, dass allen Ausländern bei zuviel Suff und Gepöbel die sofortige Ausweisung droht. Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass die Leute unsere Konzerte sehr dankbar aufgenommen haben. Nach der letzten Show in Hong Kong haben wir uns mit allen Leuten in einem „Titty Twister“ – ähnlichen Laden noch die Kante gegeben und bekamen als Dank im örtlichen Tattoo Shop sogar ein gratis Motiv unserer Wahl angeboten. 3. Wie habt ihr das Land kennen gelernt, haben sich eure Ansichten die ihrer vorher hattet über China, geändert? Wir kannten das meiste ja auch nur aus Fernsehberichten; vor Ort ist es dann aber doch immer anders. Als erstes fällt die schlechte Luft auf, dann ist man überwältigt vom Verkehrsgewusel in den großen Städten. Taxis sind sehr preiswert, aber die Leute fahren halt wie die letzten Henker. Als Fußgänger über die Strasse zu kommen gleicht einem Spießrutenlauf. Vor den Städten befinden sich riesige Müllhalden, aber die ersten Häuser schließen sich bereits nahtlos an. Die Bahnhöfe sind überfüllt, draußen muss man lange Taxischlangen in Kauf nehmen, drinnen herrscht ein Sturm auf die Abteile, da ist ein Sommerschlussverkauf gar nichts gegen! Überall dröhnt und lärmt es, der Stressfaktor ist sehr hoch. Auf den Autobahnen ist dagegen nicht viel los, da fahren meist nur Überlandbusse und Militärfahrzeuge. Das Essen ist teilweise sehr gewöhnungsbedürftig, mit den China Restaurant Speisen hierzulande hat das nicht viel zu tun. Sogenannte tausendjährige Eier, Kutteln und andere fettige, undefinierbare Teile zählen dort zu den Delikatessen; McDoof und Co. war da manchmal die letzte Rettung für uns. Wir haben McDoof mal nach unserem Gig im Mao Live House in Peking beehrt, auf den Sitzen in der ersten Etage schliefen massig Leute, die wohl außerhalb wohnten und sich so eine Unterkunft gespart haben – Stress hat deswegen keiner vom Personal gemacht. Das Bier ist ok (es gibt sogar ein „Hans Pils“), es ist in den Shops saubillig, in den Clubs aber vergleichsweise teuer. Jeder hochprozentige Schnaps mit Vorsicht zu genießen! Hannes ging es in Wuhan davon mal so dreckig, dass er aus einem hohen Stockwerk seines Hotelfensters mitten auf die Strasse gekotzt hat… . Zigaretten sind auch saubillig, man sollte jedoch nicht die preiswertesten nehmen, die sind oberheftig. Hong Kong ist sehr westlich geprägt, aber vergleichsweise natürlich auch teurer. Die Strassen sind voll Händler, und in Kneipen ist alles voll Engländer, die Fußball gucken. Für Elektroartikel ein Schnäppchenparadies, und auch die Skyline und der Hafen sind atemberaubend. Unser Hotel war dagegen ne Besenkammer für Zwerge, mit Dusche direkt über´m Klo und überall Schildern, man solle aufpassen, dass man nicht entführt wird… . 4. Ausser Misandao kenne ich keine weiteren chinesischen Bands, wie habt ihr die Szene, ihre Möglichkeiten etc kennen gelernt und nimmt der Staat irgendwie Notiz davon? Bands wie SMZB, Brain Failure oder The NoName sind in China sehr populär und haben auch bereits in Europa oder den USA getourt. The NoName haben beispielsweise eine EP auf Contra Records veröffentlicht. Als wir denen ihre Freiexemplare mit rüberbrachten, waren die grünen Vinylscheiben bei den einheimischen Fans der Renner, obwohl kein Mensch dort nen Plattenspieler besitzt. Aus Hong Kong stammt Oi! Squad, eine Band, die sich aus verschiedenen Nationalitäten zusammensetzt. Mit denen haben wir in einer völlig überfüllten Kneipe gespielt. Eine sehr trinkfreudige Truppe! Über staatliche Repressionen wird in China lieber geschwiegen, da haben wir nur sehr wenig herausbekommen können. Das lag jedoch sicherlich auch an der eingeschränkten Kommunikation: die meisten Leute sprechen dort sehr wenig oder überhaupt kein Englisch. Die Sendungen im dortigen Fernsehen sprechen da schon eine deutlichere Sprache: Neben Karaoke Wahnsinn gibt´s kommunistisch patriotische Heldenpropaganda pur, zackig heruntergebetet und in romantisch verklärte Bildern verpackt. In den Millionenstädten hängen große Armee – Plakate, das alltägliche Leben auf der Strasse gleicht einem Ameisenhaufen, und es deutet nichts darauf hin, dass es noch irgendwo Raum für eine Untergrund Szene geben könnte. In Wuhan wurde uns erzählt, dass die Punk und Skinhead Szene noch ziemlich in den Kinderschuhen steckt und erst im Begriff sei, sich auch dort zu einem größeren Phänomen zu entwickeln. Zensur und Repressalien seien noch immer allgegenwärtig, man müsse halt ein wenig vorsichtig sein, was man macht. Im Stechschritt marschierende Uniformierte z.B. auf den Bahnhöfen flösste uns manchmal schon ein etwas unsicheres Gefühl ein, überall wurden wir argwöhnisch bemustert, und vor einem Konzertort saß sogar ein Uniformierter, der quasi die Funktion eines Sittenwächters übernahm. Die Grenze zu Hong Kong mutet da wie der Zugang zu einem völlig anderen Land an, denn dort kann es sogar passieren, dass auffällig gekleideten Chinesen der Einlass verwehrt oder verzögert wird, so geschehen bei unserem einheimischen Tourbegleiter Ray. 5. Ihr spielt ja alle noch in anderen Bands, wird es jetzt bei Combat 77 erstmal ne Pause geben oder läuft das paralell? Das läuft alles parallel, kein Problem. 6. Wer schreibt bei Euch so die Songs, war die Aufgabenverteilung gleich klar? Schlagzeuger Björn schleppt die meisten Ideen an, von dem stammt auch die Idee zur Bandgründung. Er hatte zuvor mit Sängerin Kirsten bereits in Kapellen wie „Vendetta“ und „Annex5“ zusammen Musik gemacht. Björn kontaktierte dann Dole, der dann wiederum Bassist Hannes akquirierte. Gitarrist Noppi stieß kurz vor der China Tour zur Band. Björn arbeitet die Songs immer erst selbst aus, schickt sie dann herum, so dass jeder erst mal in Ruhe zuhause seinen Teil probieren kann. So ist es letztendlich einfacher im Proberaum, weil man bereits mit dem Grundtenor eines neuen Songs vertraut ist. 7. „Oire Szene“ hat Euch ja auf ihre gewohnt seriöse Art und Weise „entlarvt“, gab es darauf hin irgendwelche Reaktionen, das Bands nicht mehr mit Euch spielen wollten oder ähnliches und wie denkt ihr über diese Grauzonendiskussion? Über Oire Szene können wir wirklich nur lachen, denn wenn man es darauf anlegt, kann man jede Band in den Dreck ziehen. Traurig, dass einige Leute das noch ernst nehmen, geschehen bei einem Auftritt in Bad Hersfeld, wo eine Band aus Göttingen wegen uns abgesagt hat. Doch anstatt uns mal vorher zu kontaktieren und nachzufragen, wurde mal wieder nur feige im Netz rumgehetzt. Merkwürdig, wenn besagte Band so politisch korrekt sein will, dürfte sie sich auch kein Studio mit einer Band wie Stomper 98 teilen. Würde man beispielsweise jede Band diffamieren, die mit Ultimo Asalto aufgetreten ist, müsste man das gesamte Line Up der Punk and Disorderly und Blackpool Festivals an den Pranger stellen, inklusive einer Band wie Stage Bottles. Auch andere „Oire Szene – Helden“ wie Oppressed oder Oi Polloi, die sich mit "Step 1" übrigens ein Label mit Condemned 84, Combat 84, Last Resort etc. teilen, sind da keine Ausnahme. Im eigenen Land scheint man dort ja einiges nicht so eng zu sehen… . Peinlich wird es nur, wenn Bands, Veranstalter oder Labels bei Oire Szene zu Kreuze kriechen, so nach dem Motto: „Wir sind ja gar nicht so schlimm“ und sich krampfhaft versuchen, zu rechtfertigen, denn das geht meist erst recht nach hinten los, weil die Macher es anscheinend nur darauf anlegen, was neues auszugraben, und das ist ja bekanntlich überall nicht schwer: Empfohlen sei an dieser Stelle der Artikel „Grauzone ist überall“ im Gehoben Ungepflogen Blog (absprung-verpasst.blogspot.com). Oi! ist und war eben nie ein Kindergeburtstag für Hippies. Bei Oire Szene soll es sich ja angeblich um Leute aus dem Umfeld der Band The Pillocks aus Berlin handeln; komisch wäre das schon, denn die haben ja selbst mit der aus ihrer Sicht„umstrittenen“ Band Miburo aus Japan zusammen getourt… . Passend dazu fallen mir 2 Zitate aus dem „Buch des Wissens“ ein: „Geändert hat sich wenig, und die Gegenwart wimmelt von Tartuffes und politisch Korrekten, die sich über das Schwingen der Moralkeule den Einfluss der Priesterkaste verschaffen wollen.“ und: „Den Don Quijote sollte man lesen, wenn man es mit ideologischen Kreuzrittern zu tun bekommt, also mit Leuten, die sich unter dem Druck des Bedürfnisses, ihrem banalen Leben einen Sinn zu verleihen, die ganze Wirklichkeit zu einem Szenario zurechtphantasieren, das es ihnen erlaubt, eine grandiose Rolle zu spielen.“ 8. Dole z.B. ist ja „96“ Fan wie habt ihr diesen ganzen Trubel um den Tod von „Robert Enke“ erlebt, da war ja in Hannover schon fast Ausnahmezustand? In der Tat. Das war einer dieser Momente, von denen man, wenn man sich an sie zurück erinnert, nie vergessen wird was man gerade gemacht hat. Die ganze Stadt, die ganze Region war im Schockzustand. Robert war das Aushängeschild von Hannover, der Liebling der Massen, ein außergewöhnlicher Sportler und vor allem ein ganz besonderer Mensch. Und auch mich hat diese ganze Geschichte ähnlich mitgenommen, wie der Tod eines Freundes. Und das, obwohl ich ihn ja auch nur aus dem Stadion bzw. aus dem Fernsehen kannte. Für Leute aus anderen Regionen, die vor allem mit Fußball nichts zu tun haben, machte dieses riesige Medieninteresse sicherlich einen überzogenen Eindruck. Und ja, natürlich muss man sich fragen, ob es nötig ist auf fünf Sendern gleichzeitig und tagelang Sondersendungen zu bringen. Dennoch muss ich zugeben, dass es auch mich vor dem Fernseher gefesselt hatte. Ich konnte arbeitsbedingt nicht am Trauermarsch und der Beerdigung teilnehmen, doch durch die vielen Bilder, die einen erreichten, hatte man doch etwas das Gefühl man wäre dabei und man sah, dass es auch tausende Andere genau so mitnahm wie einen selbst. R.I.P Robert Drück uns von oben die Daumen für den Klassenerhalt!!! 9. Ihr habt eine sehr ansprechende Homepage, was in „MySpace“ Zeiten nicht mehr üblich ist, wer zeichnet sich denn dafür aus? Das macht Björn, der ist hat beruflich auch was mit Webseitengestaltung am Hut. 10. Was habt ihr für die nächste Zeit geplant? Wir haben einige Festivals in Aussicht und schreiben neue Lieder. Außerdem wird demnächst ein Song der chinesischen Band „The NoName“ erscheinen, der ein wenig an das grandiose „If the Kids are United“ erinnert, und auf dem wir neben Bands wir „Sham 69“, „SMZB“, „Subs“, „The Scarred“ und „Peter and the Test Tube Babies“ mit einem Gastgesang zu hören sein werden. 11. Letzte Worte und Grüße! Lasst Euch von politischen Extremisten nicht den Tag versauen. Danke für das Interview, Oi! und Prost an die Leserschaft. Besucht unsere Seite im Netz: www.combat77.com |