Combat 77 verschreibt sich musikalisch ganz klar dem frühen Streetpunk aus England. Wieso nicht frühen amerikanischem Hardcore oder gar alten Deutschpunk? Bin Anfang der 80er Jahre mit den Riot City / No Future und Oi! Bands aufgewachsen, die waren mir schon damals textlich und musikalisch näher am Herzen gelegen als Ami Hardcore oder Deutschpunk Combos. Vor einigen Jahren hatten wir mit unserer Band „Vendetta“ ja auch schon eine ähnliche Richtung wie Combat 77 eingeschlagen; es hatten sich seitdem viele Text – und Musikideen bei mir angesammelt, und so haben Kirsten und ich uns überlegt, dass es mal wieder Zeit für eine waschechte Streetpunk Band ist. Auch textlich orientiert ihr euch an den frühen Oi!-Bands. Ist das nicht etwas überholt, oder werden Themen wie in "Right to Work" wieder aktueller, beziehungsweise waren nie ganz vom Tisch? „Right to Work“ hat sicherlich gerade hierzulande wieder einen neuen Stellenwert erlangt, wenn man sich so manche Firmenpolitik anschaut... . Ich denke aber, dass unsere Themen generell zeitlos sind. Ob es nun um Bullenrazzien wie in „Out on Parole“ dreht oder um hirnlose Schläger wie in „Just another Moron“. Klar, haste schon recht. Bloß ist es bezüglich "Right to work" wirklich damit getan nur ein Stück des Kuchens zu wollen, anstatt das Rezept zu ändern? Nicht, dass ich jetzt an eine anarchistische Weltrevolution glaube (schön wäre es trotzdem), aber der "gemeine Arbeiter" ist doch zum größten Teil mit seiner Geiz-ist-geil Mentalität selbst schuld an seiner Misere, oder nicht? Nun, das Problem existiert ja nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Jedes Land, das seinen Arbeitern einen „verhältnismäßig“ angemessenen Lohn zahlt, ist früher oder später aus dem Rennen. Die Konsequenz: Arbeitsplätze wandern in ärmere Länder, menschenwürdige Arbeitsbedingungen werden außer Kraft gesetzt, und es wird zu einem Luxus, hierzulande darauf zu achten, woher die Produkte tatsächlich kommen. Die so genannte „anarchistische Weltrevolution“ wird somit wohl nie stattfinden, denn die Kluft zwischen Kulturen, Denkweisen (Neid, Vorurteile etc.) und Bildungschancen wird sich aufgrund der Engstirnigkeit der Menschheit nicht so schnell außer Kraft setzen lassen. Björn, du hast eine bekannte politisch motivierte "Musikerkarriere" hinter dir - Recharge, Audio Kollaps, Vendetta. In den letzten Jahren gehst du es scheinbar "lockerer" an. Vor allem auch was deine schreiberischen Aktivitäten fürs Plastic Bomb betrifft, so befragst du stets Bands ohne wirkliches Statement. Daraufhin bist du auch schon angefeindet worden. Was bewog dich zu der Kursänderung, wenn man es so nennen will, und wie gehst du mit der Kritik um? Mittlerweile bin ich über 40 Jahre alt, und natürlich war ich in jüngeren Jahren etwas politisch motivierter als heutzutage. Im Laufe der Jahre ändert man bestimmte Meinungen über Sachverhalte und sieht einige Dinge im Leben etwas anders; das ist denke ich vollkommen natürlich. Viele politischen Statements sind mir auch schon damals etwas aufgesetzt vorgekommen, deswegen haben wir auch mit Recharge oder Audio Kollaps immer darauf geachtet, den Leuten nur Sachen aufzuzeigen und nicht lehrmeisterhaft zu agieren. Von daher sehe ich da keine große persönliche Kursänderung, denn ich habe wie bereits erwähnt auch schon vor Jahren in einer Streetpunk Band (Vendetta) gespielt, die sich Politik nicht groß auf die Fahne geschrieben hat. Mir haben Oi! Bands wie Cockney Rejects und Last Resort schon immer am Herzen gelegen, und es hat sich gezeigt, dass man selbst bei älteren, „politisch motivierteren“ Bands wie Discharge, Conflict, Crass und Konsorten meist vergebens auf ein wirklich interessantes Statement hoffen kann. Björn, du als alter Fanziner. Wie stehst du der Entwicklung gegenüber, dass sich immer mehr im Zinekram im Internet abspielt? Gedruckte Zines waren früher unentbehrlich, sei es schon wegen der Konzertdaten. Mittlerweile lässt sich so was natürlich viel umfassender im www finden, und auch exotische Länderberichte sowie Interviews mit kleineren Bands lassen sich kinderleicht im Internet aufspüren. Deswegen haben es die gedruckten Ausgaben natürlich heutzutage viel schwerer als früher und müssen ihren Lesern auch einiges bieten, um sich überhaupt noch behaupten zu können. Wenn ich bedenke, dass ich Mitte der 80er auf einem einzigen Konzert innerhalb von ner Stunde über 100 Exemplare meines selbst kopierten und zusammengehefteten Zines zum Stückpreis von einer Mark absetzen konnte... . Dementsprechend die Frage, wieso euer Album auch auf Vinyl erscheint. Hat das nicht ebenfalls etwas von einem Relikt aus der Vergangenheit? Ganz im Gegenteil: Vinyl scheint sich ja im musikalischen Untergrund wieder größerer Popularität zu erfreuen; das ist kein Wunder, denn CDs haben im Allgemeinen durch das überall um sich greifende Selbstbrenn- und Download - Fieber eine Art „wertlosen“ Charakter erhalten. Viele Leute wollen wieder etwas „greifbareres“ und wertbeständigeres in der Hand halten als lediglich ein kleines Stück Plastik. Persönlich höre ich nach wie vor lieber Vinyl als CD, schon allein wegen des Formats und des wunderbaren Knisterns. Aber ich kann auch nachvollziehen, dass gerade jüngere Leute keinen Plattenspieler mehr besitzen, sei es aus Kostengründen oder Bequemlichkeit. Seh ich ebenso und wende diese Argumentation auch auf digitale Fanzines an. Ich finde die viel zu beliebig und belanglos. Wie stehst du als ein Vertreter der gedruckten Zunft dazu? Seh ich in den meisten Fällen ebenso. Online Fanzines brauchen sich nicht mehr zu bemühen, ihre Kosten durch interessanten Inhalt oder Layout zu decken. Dementsprechend sind deren Interviewfragen leider oft eintönig, standardisiert und belanglos. Das ist schade, denn gerade diese Publikationen erreichen manchmal ungewollt mehr Leute als irgendein DIY produziertes A4 Heft. Die LP kommt bei Contra Records, die CD bei Sunny Bastards. Will euch denn keiner komplett? Sunny Bastards haben sich von vorneherein ausschließlich auf CDs und DVDs spezialisiert, machen also generell kein Vinyl, helfen Ihren Bands aber gerne mit der Vermittlung an Vinyl Labels wie Contra Records. "Dirty Block" handelt von einer Frau, die sich nen Scheiß um ihren Ruf schert, stattdessen das Leben in vollen Zügen genießt. Kirsten, singst du da aus deinem eigenen Leben? Naja, ich mache was mir gefällt und hab meinen eigenen Kopf. Man sollte das machen, wozu man Lust hat. Es wird immer Leute geben, die damit nicht einverstanden sind und die dann tratschen. Die nichts Besseres zu tun haben, als alles mies zu machen, weil sie selbst nichts geschafft haben im Leben... irgendwie müsste man sie bemitleiden, oder? Da gibt´s natürlich auch solche Leute, die sich über andere aufregen, aber selbst die gleiche Scheiße machen oder die noch schlimmer sind... das ist dann das übelste! Zeigen mit erhobenem Finger auf einen... die sollen sich lieber mal and die eigene Nase packen, voll die Hechelei; und dann gibt´s da einige... manchmal frage ich mich, ob diese Leute zuviele Drogen nehmen, da ihre Wahrnehmungsvorstellung anscheinend total verzerrt ist oder ihr Gehirn geschrumpft scheint. Was auch immer, viele Leute geben einfach zu viel darauf, was andere erzählen. In "Drunk Driving" glorifiziert ihr besoffen Auto zu fahren. Wie könnt ihr so etwas machen! Ich hoffe ihr könnt meinen erhobenen Zeigefinger spüren. Auf zur Beichte: (Die Ironie kommt hoffentlich durch...) Tja, manchmal lässt es sich eben nicht so einfach über den eigenen Schatten springen... . Hab´s in meinen wildesten Zeiten sogar mal „geschafft“, mich nach diversen Zehnerträgern und Hartspritpullen hinters Steuer zu setzen und 30 km über Autobahn nach Hause zu fahren. Zwischendurch hab ich noch auf dem Randstreifen ein Nickerchen gemacht und bin dann irgendwann wohlbehalten angekommen. Das soll sicher keine Glorifizierung sein, aber manchmal schlittert man eben in Situationen rein, die nicht mehr so ganz zu kontrollieren sind. Und schlauer wird man danach meist auch nicht. "Get A Life" richtet sich gegen die "Oi! Free Youth" Anhänger, da sie angeblich nicht mal verstanden haben, wofür Oi! steht. Na dann mal raus mit der Sprache! Diese „Oi! Free Youth“ Geschichte ist ja vor einigen Jahren mal entstanden von Leuten aus Göttingen, die ein wenig in der eigenen Szene provozieren und wachrütteln wollten. Mittlerweile nehmen viele Leute diese Idee jedoch bierernst und behaupten, dass alle kurzhaarigen Leute, die Oi! Musik hören und sich dafür nicht regelmäßig bei einem autonomen Plenum entschuldigen, mit Nazis gleichzusetzen sind. Dabei wird völlig übersehen, dass es überall Idioten gibt, egal ob mit bunten Haaren oder Glatze, egal ob auf Crust- oder Oi! oder Hardcore Konzerten. Es sollte nicht so pauschal verallgemeinert werden, das bringt niemandem etwas. Die einzigen, die davon profitieren, ist die rechte Szene, denn es sind ja hierzulande sogar schon Nazi Hools gesichtet worden mit „Oi! Free Youth“ – Tätowierungen, denn denen sind Oi! Skins wohl eindeutig zu links... ! Würde ich jetzt fast so unterschreiben. Doch ist nicht die Toleranzgrenze hin zu ganz klar zwielichtigen Gestalten eher das Problem, denn einfach nur ein Idiot zu sein? Denke, dass jeder für sich die persönlichen Toleranzgrenzen ausloten sollte, jedoch nicht in Hinblick auf eine gesamte Bewegung. Das sollte dann natürlich keinesfalls in komplettem Schubladen – Denken enden, so nach dem Motto: „Meine kleine Szene ist die einzig wahre“ – denn das hat was Elitäres. Wahrscheinlich weiß man sowieso nur bei seinen engsten Freunden, das die ok sind, denn in der Vergangenheit haben sich schon viele angebliche „Freunde“ letztendlich als Idioten entpuppt, egal aus welcher Szene – Gruppierung sie stammten. Beeindruckt von der Professionalität der Homepage drängt sich mir die Frage auf, ob ihr, obwohl alle in anderen Bands verpflichtet sind, jetzt euren Fokus auf Combat 77 gelegt habt? Nun, die Homepage Professionalität resultiert wohl aus der Tatsache, dass ich Webdesign und System Administration von Berufswegen aus betreibe. Combat 77 hat bei uns denselben Stellenwert wie unsere anderen Bands. Und natürlich ist es ein doppelter Ansporn, wenn man als neue Band bisher nur durchweg positive Reviews erhält. |